Abt.: Hopfenbad

Bierreise - Allgäu 2025

Als Hobbybrauer kann es einem schon passieren, dass man sich unversehens auf einer Bierreise wieder findet. Mich hat es dabei ins Allgäu verschlagen.

Wer im Folgenden meint, seine Brille auf die Nasenspitze schieben, über den oberen Rand linsen und besserwisserisch den Finger "Aber das liegt gar nicht im Allgäu" heben zu müssen, möge bitte nach nebenan zum Korinthen kacken gehen.

Wangen

Die Tonne in Wangen

Zu Wangen habe ich ja eine ganz besondere Beziehung. Gut, jetzt nicht direkt eine Beziehung, mehr so eine schemenhaft Erinnerung. In meiner Jugend - also so Anfang der 90er Jahre - war ich da nämlich schon einmal und habe ein Konzert in der Tonne besucht.

Wohlgemerkt ein Konzert von einer Hand voll Münchner Bands.

Unter anderem von First Things First. Die kennt heute niemand mehr, was schade ist. Die waren nämlich sehr gut. Finde zumindest ich. Und ich habe auch was von der Band gefunden. Ein bisschen Unterhaltung, bevor es weiter geht.

Die verdruckten Allgäuer

Wenn me 6 Allgeier ibrenand beigt, no isch di oberscht so vrduckt wie dr unterscht!

Und während man die Inschrift entziffert und sich wundert... wird man unversehens von den Verdruckten bespuckt. Haha und Hihi rund herum. Pubertärer Humor.

Impressionen

Auf dem Weg durch die Wangener Altstadt gibt es einiges zu sehen. Hier ein Türmchen und dort auch eins. Hier ein Häuschen, dort ein Gässchen. Ein Bildchen an der Wand. Ein Plätzchen mit Schwein und Hirt. Ein Mühlrad auch.
Pittoresk, so glaub' ich, sagt man da.

Im Museum

Was ich interessant und sehr bezeichnend finde: In vielen Museen, auf Schlössern und in Burgen werden vorwiegend und mehrheitlich Tötungsinstrumente ausgestellt. Waffen also. Arkebusen, Feldschlangen, Piken und Partisanen, Pistolen und natürlich Schwerter. Das ist auch in Wangen der Fall.

Hingegen sind Gegenstände des täglichen Lebens in der Minderzahl. Keine Puderdöschen. Nicht Messer und Gabel oder mit was sich der Ritter den Bart aus dem Gesicht geschabt hat. Wie sahen die ersten Zahnbürsten aus oder haben die Menschen den Pestgestank der Hölle ausgeatmet. Trugen sie Socken oder Unterbuxe? Wie schälten sie Kartoffeln, wie entsteinten sie Kirschen? Nein so was wird nicht gezeigt. Dazu muss man in eine Special Interest Ausstellung gehen.

Vielleicht ist es nicht ganz so schlimm. Aber wer wäre ich, wenn ich das nicht überspitzt und plakativ zu Papier brächte.

Zumindest die Museumslandschaft in Wangen ist schon recht vielseitig. Zwar gibt es auch dort eine ansehnliche Waffensammlung. Aber auch mechanische Musikinstrumente, Ostereier, eine Badestube und den Hinweis auf den Wangener Bierkrieg.

Gerade bei schlechtem Wetter - und als wir in Wangen waren, hat es ordentlich geregnet - bietet die Museumslandschaft allerlei Kurzweil. Auch hiervon ein paar Impressionen.

Eistobel

Wisst ihr, was ein Tobel ist? Ich habe es nicht gewusst. Und es hat nichts mit der ähnlich klingenden Toblerone zu tun. Auch wenn das kalauertechnisch was drin wäre.

Also ein Tobel ist ein enges Tal. Irgendwo zwischen Klamm und Canyon. Er entsteht durch Auswaschungen weicher Gesteinsformationen durch eine Bach zum Beispiel. Das möchte ich nicht vertiefen, weil ich es für keine besonders nützliche Information halte. Oder, ähäm, weil ich es selbst nicht so ganz verstanden habe. Egal.

Jedenfalls befindet sich der Eistobel in erreichbarer Nähe von Wangen, so dass es uns zu einer Ausfahrt mit Tobelwanderung animiert hat. Durch den Eistobel fließt die Arge. Und in der Arge liegt - wie wir alle wissen - so einiges. Die Arge ist ein arger (hihi) Wildfang und hat sich ihr eigenes Bett gegraben. Nicht nur ein Bett, auch einige Fälle über die sie sich in die Tiefe stürzt. Irgendwo sollen es 70 Meter sein, das haben wir nicht gesehen. Und weil diese Tiefenstürze, also Wasserfälle im Winter gerne mal gefrieren, heisst das Eistobel und nicht Argetobel. So ist das.

Jetzt hier die unvermeidlichen Impressionen.

Isny

Isny mache ich mal im Schnelldurchlauf. Denn man ist durch die Altstadt schnell durchgelaufen. Also:

Altstadt

Altstadt, ja, hat Isny. Mitsamt Fußgängerzone.

Stadtmauer

Stadtmauer, ja, hat Isny auch. Und davon erfreulich viel, so dass man sich die Zeit vertreiben und allerhand entdecken kann. Türme und Türmchen. Was auffällt, im mittelalterlichen Isny scheint man besessen davon gewesen zu sein, Menschen einzusperren. Jeder Turm und jedes Türmchen hat irgend wann einmal dazu gedient Menschen einzusperren.

Brauereien

Brauereien, ja, und das gleich zwei. Eine althergebrachte mit Namen Stolz. Der Slogan "Und voller Stolz gehen wir nach Hause". Kann ich nachvollziehen. Drei Biere, drei Treffer. Das Helle, das Dunkle und auch das Weißbier. Ich kann sie alle empfehlen.

Und dann gibt es noch Seppis Brauerei. Etwas moderner und experimenteller, so scheint es. Leider habe ich das Bier nicht nicht verkostet, so dass ich dazu nicht viel sagen kann. Aber schick ist es schon, die kupferne Brauanlage in Gastraum aufzubauen.

Tettnang

Als Hobbybrauer muss man natürlich unbedingt nach Tettnang. Also nach da, wo einer der wichtigsten Hopfen her kommt. Muss man? Muss man nicht. Denn Tettnang ist keine Sehenswürdigkeit. Tettnang hat den Charme, den viele kleine Städtchen, die keinen Charme haben, verströmen. Eine verkehrsberuhigte Einkaufsstraße, einen kleinen Platz mit Kirche und Rathaus, der erahnen lässt, dass die Ansiedlung älteren Ursprungs ist und ganz viel uninspirierte Architektur der letzten 50 Jahre.

So schlenderte ich durch die Straßen - den Blick über Betonfassaden schweifend - und überlegte, was sich zu fotografieren, worüber sich zu schreiben lohne. Und während ich so überlegte, stellte ich fest, ich bin ja schon durch und ich habe nichts Lohnendes gefunden. Also schlenderte ich - eine andere Straße nehmend - noch einmal zurück und... auch da nichts.

Etwas traurig knipse ich hier ein Straßenschild, dort eine Brauerei Werbung und da eine Bedienanleitung für Türen.

Wenn man Tettnang als Basis für Tagesausflüge ins Umland nutzt, nun, daas kann man machen. Man kann zum Beispiel zum Pfahlbau Museum in Unterüberlingen fahren. Oder den Hopfenwanderweg beschreiten. Das kann man machen. Beides ist einen Besuch wert.

Hopfengut No20

Ein Grund, um doch nach Tettnang zu fahren ist ganz klar das Hopfengut No20. Hinter dem recht unprätentiösen Namen - Hopfengut... weil Hopfengut und No20, weil Hausnummer 20 - verbergen sich gleich eine ganze Reihe kleiner und großer Attraktionen. Das fängt an mit dem Hopfenwanderweg von Tettnang zum Hopfengut. Und hört entsprechend mit dem Wanderweg in umgekehrter Richtung wieder auf.

Hopfenpfad

Der Weg führt durch - ihr werdet es kaum glauben - Hopfenfelder. Aber auch durch Apfelplantagen, Reihen von Stachelbeeren, Wein und was der Obstkorb noch so her gibt.

Sicher mögen es die Bauern nicht sehr, wenn man vom Baum weg nascht, die Verlockung ist aber auch zu groß. Das wissen auch die Bauern und bieten denn ihre Erzeugnisse zur Selbstbedienung und Bezahlung am Wegesrand feil. So kann man sein Gewissen beruhigen und ein paar Münzen in die Kasse werfen.

Aufgabe des Wanderwegs ist, Wanderer zum Hopfengut zu bringen und wieder zurück. Ein ganz ausgefeiltes System. Zumal man letztlich gar nicht zurück nach Tettnang will, also bereit ist, auf dem Hopfengut mehr zu konsumieren, um den Rückweg möglichst hinaus zu zögern. Und das Hopfengut gibt sich freundlich Mühe, das Hinauszögern angenehm, unterhaltsam und informativ zu gestalten. Aber der Reihe nach.

Die Führung

Wer frühzeitig auf den Beinen ist kann - und das möchte ich ausdrücklich empfehlen - an einer Führung durch das Hopfengut teil nehmen. Das ist interessant, informativ und kurzweilig. Und das lief etwa so:

Um 11:00 Uhr fanden sich mehrere unabhängige Reisegruppen ein, um gebannt an den Lippen des Vortragenden zu hängen. Und von den Lippen kam so einiges wissenswertes über Hopfen. Über den Anbau, die Sortenvielfalt, die Ernte früher und heute und warum gerade hier Hopfen angebaut wird. Explizit erwähnte er auch den von mir so geschätzten Melonenhopfen aus Hüll und das es auch einen Mandarinenhopfen von dort gibt. Ich verstehe das als einen Auftrag.

Und weil das Auditorium für das Organ des Vortragenden und die beengten Räumlichkeiten einfach zu groß war, sprang spontan, eloquent und voller Energie der Hopfenbauer selbst in die Bresche. Er übernahm die Hälfte des Publikums und führte durch die Hallen. Hier die Hopfenpflückmaschine, dort werden Dolden von der Spreu getrennt. Hier sieht man die Ausbeute, dort den Abraum. Hier wird getrocknet, dort gepresst. Dabei sprüht der Bauer so vor Begeisterung, dass es einen einfach mitreisst.

Der Biergarten

Am Ende der Führung wird man in den gutseigenen Biergarten entlassen, der mit allerlei Schwäbischen Köstlichkeiten aufwartet. "Halb Halb" - Halb Schinkenwurst, halb Limburger in Essigsoße - etwa war sehr begehrt oder auch die unvermeidlichen Kässpätzle. Die Krönung aber sind die Biere. Denn neben dem Hopfenanbau und dem Biergarten betreibt der Bauer auch eine eigene kleine und sehr feine Brauerei.

Die Brauerei

Ist man den ganzen Tag und das Jahr für Jahr von Hopfen umgeben, liegt es nahe, sich selbst ein wenig in der Braukunst zu versuchen. Dabei denke ich nicht, dass der Bauer neben seiner Hopfenarbeit selbst am Sudkessel steht, denn auch sein Tag hat nur 24 Stunden. Aber ich bin mir sicher, er war und ist bei der Entwicklung der Braurezepte genau so mit Feuer und Flamme dabei, wie bei der Hopfenernte.

Sei wie es sei, was die Brauerei hervor bringt ist ganz edles Zeug. Und nicht nur ein traditionelles Hausbier, ich würde sagen ein untergäriges Lager, sondern und vor allem stark hopfen betonte Bierspezialitäten. Weil die Bierspezialitäten genau zwischen Hopfengut Besichtigung und Rückwanderweg lagen, habe ich mich sehr über den "Verkostungs-Flight mit vier Bierspezialitäten". Der volle Geschmack in schlanke 0,1 Liter Gläser gepackt. Melon Lager, IPA, NEIPA und ein leichtes Lager. Und ich kann euch sagen, ein Bier besser als das andere. Letztlich muss ich sagen, das Hopfen Leicht war mein Favorit. Volle Kanne Geschmack. Hopfen und Körper. Bei schlanken 3,5% Da kann man sich auch mal eins mehr gönnen.

Der Laden

Und weil die Biere gar so gut sind, habe ich mich gefreut, dass der Hofladen eine gemischte Kiste mit einer passablen Auswahl bereit hielt. Die musste natürlich mit. Also nicht, dass ich die bei der Heimwanderung geschleppt habe. Faul wie ich bin, habe ich mich am nächsten Tag noch einmal mit dem Auto fahren lassen. Und weil ich dann noch eine Hand frei hatte... eine Flasche Pale Ale, ein Hopfen Öl für den Salat und ein, nein, zwei Bücher über das Brauen. Dafür habe ich dann ein Verkostungsglas für umme dazu bekommen.

Chemtrails

Für die Verschwörer unter euch: In den 50er Jahren wurden die Chemtrails mit Verdampfern und Bodengeneratoren in die Luft geblasen. In den 60ern dann - vor allem in der UdSSR - mit Raketen in die Luft geschossen. Beides hatte nicht den gewünschten Effekt.