Abt.: Vogelnest
Eine Straße am Stadtrand
Unter einem schweren Himmel hält die Straße den Atem an. Die Fassaden wirken müde, als hätten sie ihre besten Tage längst hinter sich. In der Stille wächst eine Ahnung, dass selbst hier etwas wartet, das sich nicht aufgeben will.
Geduckt stehen die Häuser da. Scheinen sich unter Bäumen zu verstecken. Trauen sich nicht hinter der Hecke hervor.
Es scheint, sie schämen sich. Schämen sich ihrer langweiligen Fassaden. Ihrer grauen Wänden. Ihrer grauen Bewohner.
Am Ende der Straße ragt stolz ein einzelnes Gemäuer hervor. Mit einem Turm wie einem Wegweiser. Es scheint mir zuzurufen. Hier entlang. Hier ist der Weg aus der Tristesse. Wie ein Leuchtfeuer schlägt es mich in Bann. Ich eile weiter. Zur Linken eine Schneise in der Hecke. Wie auf einem Nest thront dort ein Bagger auf den Ruinen eines Duckhauses. Bald triumphierend, bald drohend schichtet er gefallenes Mauerwerk um sich. Unter sich. Das Pfeifen der Hydraulik, das Schnaufen der Maschine. Wie Hohngelächter und Siegesgeheul.
Weiter. Schnell weiter. Dem verheißungsvollen Turm entgegen.
Aus den Augenwinkeln sehe ich Autos, wilden Tieren gleich, zwischen den Häusern hervor preschen. Selbstverständlich, rücksichtslos, ganz als ob in dieser Straße niemals mit Menschen zu rechnen sei. Oder laufen sie gar hinter den Büschen? Um dem arglosen Wanderer den Schreck in die Glieder fahren zu lassen.
Nur weiter. Weiter hier. Ein jeder Weg hat irgendwo ein Ende.
Gestalten werden sichtbar. Sind es die Bewohner der traurigen Häuser? Seltsame Gestalten sind das. An einer Ecke, wie ein Wachmann. Er steht da, präsentiert seine Hosenträger. Über buschigen Brauen sitzt neckisch eine Badekappe. Zwischen Mülltonnen lugt ein Mann, nein ein Männchen. Ganz in grau. Lustig wäre die Zipfelmütze anzusehen, wäre sie nicht grau. Der Parka zu groß, die Ärmel hochgekrempelt. Die Hosenbeine, nicht zu lang, doch hochgekrempelt. Die Schuhe, viel zu groß, schlurfen über den Boden. Unter der Mütze, über dem Zottelbart blitzen wache Augen. Oder bilde ich mir das nur ein?
Der Turm, bald zum Greifen nah, zieht mich weiter. Noch diese Kurve, dann stehe ich vor ihm. Vor dem mächtigen Gemäuer, das mit seinen Zinnen das ganze Land zu beherrschen scheint.
Zu nah. Ach, zu nah. Nichts ist übrig von der Erhabenheit der Ferne. Wie leere Augenhöhlen starren die Fenster. Zahnlos das Tor. Faltig und rissig das Mauerwerk. Die großen Tage sind vorbei.
Von fern ist das Schnaufen und Stampfen des Baggers zu vernehmen.